HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Als der Mond sein Licht teilte
Ein leises Piepsen
Über den Dächern wurde es dunkel. In einem warmen Zimmer lag Nia unter ihrer Decke. Gerade wollte sie die Augen schließen, da hörte sie ein leises Piepsen am Fenster.
Auf dem Fensterbrett saß ein kleiner blauer Vogel. „Mein Nest ist hinter dem großen Baum“, piepste er. „Aber ich sehe den Weg nicht mehr.“ Nia schaute zum Himmel. Dort hing der Mond wie eine goldene Schale.
Der Vogel hatte tagsüber nach weichen Federn für sein Nest gesucht. Dann hatte eine Wolke den Himmel verdeckt. Jetzt waren die Häuser unter ihm alle dunkel und sahen fast gleich aus. Nia öffnete das Fenster einen Spalt, damit sie ihn besser hören konnte.
„Ich bleibe hier, bis du dein Nest gefunden hast“, sagte sie. Der Vogel legte den Kopf schief. Das war eine gute Idee. Zu zweit wirkte die dunkle Straße schon weniger fremd.
Ein Streifen Licht
„Lieber Mond“, flüsterte Nia, „kannst du dem Vogel den Weg zeigen?“ Der Mond schob eine Wolke zur Seite. Ein heller Streifen fiel auf die Dächer und auf die Zweige des großen Baums.
Der Vogel hüpfte ein Stück. Dann blieb er stehen. „Und wenn du dein Licht brauchst?“, fragte er den Mond. Der Mond lächelte. „Wenn ich ein wenig davon teile, bleibt noch genug für alle.“
Nia zeigte auf den Baum. „Dort ist ein heller Ast“, sagte sie. Der Vogel sah ihn nun auch. Er flatterte hinüber und wartete. Die Wolke kam noch einmal zurück, aber der Mond schob sein Licht an ihrem Rand vorbei. Ein schmaler, silberner Weg blieb zu sehen.
Unten auf der Straße ging eine Katze nach Hause. Auch sie folgte dem hellen Streifen. „Siehst du?“, sagte der Mond. „Mein Licht kann mehreren helfen.“ Der Vogel hob die Flügel und flog weiter.
Von Ast zu Ast
Der Vogel flog zum ersten Ast. Dann zum zweiten. Nia zählte ganz leise mit. Eins. Zwei. Drei. Im dritten Ast wartete ein rundes Nest aus Moos und Federn.
„Da bist du ja“, zwitscherten die anderen Vögel. Der Kleine kuschelte sich hinein. Vom Fenster aus konnte Nia sehen, wie sich die Federn im Mondlicht hoben und senkten.
Die anderen Vögel rückten ein Stück zusammen. In der Mitte war noch Platz. Der kleine Vogel erzählte ihnen von Nia und vom Mond. „Morgen zeige ich euch den Weg zum Fenster“, piepste er. Dann steckte er den Kopf unter einen Flügel.
Nia schloss das Fenster wieder. Sie winkte zum Baum. Vielleicht sahen die Vögel es nicht. Das machte nichts. Sie wusste, dass sie angekommen waren.
Gute Nacht
Nia zog die Decke bis an ihr Kinn. Auch auf ihrem Kissen lag ein schmaler Streifen Licht. Er war nicht hell genug, um sie wach zu halten. Gerade hell genug, um freundlich auszusehen.
„Gute Nacht, kleiner Vogel“, flüsterte sie. „Gute Nacht, Mond.“ Draußen blieb der Mond noch eine Weile über dem Baum stehen. Drinnen wurde Nias Atem ruhig. Und in beiden Nestern schlief jemand ein.
Die Wolke zog weiter. Der silberne Streifen wanderte langsam über den Boden und verschwand. Nia drehte sich auf die Seite. Sie dachte an den kleinen Vogel, der jetzt warm und sicher bei den anderen lag. Dann wurden auch ihre Augen schwer.
