HEUTE IN DER GESCHICHTENWELT
Mila und der Mut in der Manteltasche
Der neue Garten
Im Garten hinter dem Haus lachten Kinder. Mila stand am Tor und zog die Ärmel ihres gelben Mantels über die Hände. Heute war ihr erster Tag in der Gruppe. Die anderen kannten schon jedes Versteck zwischen den Sonnenblumen.
In Milas Tasche lag ein glatter Kieselstein. Sie hatte ihn am Morgen mit ihrem Papa am Bach gefunden. „Wenn du magst, nimm ihn mit“, hatte er gesagt. „Dann hast du etwas Vertrautes dabei.“ Mila schloss die Finger um den Stein und sah zu, wie die Kinder im Kreis hüpften.
Neben dem Tor stand eine Bank mit einem roten Kissen. Mila setzte sich darauf. Von hier konnte sie alles sehen: den Kreidekreis, einen kleinen Apfelbaum und eine Katze, die so tat, als schlafe sie. Mila blieb erst einmal sitzen. Das war für heute ein guter Anfang.
Ein ganz kleiner Schritt
Ein Mädchen mit zwei Zöpfen kam näher. „Wir spielen Inseln. Willst du mitmachen?“ Mila wollte ja sagen. Aber ihr Mund war plötzlich trocken. Sie schüttelte den Kopf, obwohl sie eigentlich gern dabei gewesen wäre.
Das Mädchen nickte. „Ich bin Juna. Du kannst erst mal zuschauen.“ Dann hüpfte es zurück. Mila atmete aus. Zuschauen durfte sie also. Das fühlte sich leichter an als sofort mitzuspringen.
Juna winkte ihr vom ersten Kreidekreis aus zu. Mila hob eine Hand. Nur ein kleines Stück. Juna winkte zurück.
Die anderen riefen „Land in Sicht!“ und sprangen von Kreis zu Kreis. Mila zählte die Sprünge mit. Ein Junge landete daneben und lachte. Niemand schimpfte. Mila schob ihren Schuh ein Stück näher an den ersten Kreis.
Der Stein in der Tasche
Als der Wind ein Blatt über den Weg trug, landete es genau vor Milas Schuhen. Sie hob es auf. Es sah aus wie ein kleines Boot. „Ist das auch eine Insel?“, fragte sie leise. Juna kam herüber und betrachtete das Blatt.
„Eine winzige! Wir könnten eine Insel für Ameisen bauen.“ Zusammen legten sie Blätter neben den Kreidekreis. Mila merkte, dass ihre Hand noch immer um den Kieselstein lag. Sie ließ ihn los. Er blieb in ihrer Tasche, aber sie brauchte ihn gerade nicht festzuhalten.
Juna holte zwei kleine Zweige. Mila legte sie wie Brücken zwischen die Blätter. „Hier können die Ameisen lang“, sagte sie. Die Katze öffnete ein Auge und sah zu. Mila musste lachen, weil die Katze aussah, als wollte sie die Brücken prüfen.
Milas eigene Insel
Später fragte Juna: „Magst du zu unserem Kreis kommen?“ Mila nickte. Erst stellte sie nur einen Fuß auf die Linie. Dann den zweiten. Niemand drängte sie.
„Ich bin Mila“, sagte sie. Diesmal hörten die anderen ihren Namen. Einer der Jungen zeigte auf die Blätter: „Eure Ameiseninsel ist toll!“ Mila lächelte.
Als Papa sie abholte, lag der Kieselstein noch in der Manteltasche. „Warst du mutig?“, fragte er. Mila dachte an das Winken, das Blatt und ihren Namen. „Ja“, sagte sie. „Aber ganz langsam.“
Auf dem Heimweg zeigte Mila Papa den Stein. Er war noch genauso glatt wie am Morgen. Nur in Milas Tasche fühlte sich nun auch etwas anderes vertraut an: der Gedanke an Juna und an den Kreidekreis im Garten.
